Fabian Hengmith
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Kinderfußball: Wenn Ehrenamt auf Leistungslogik trifft

08.09.2026

Kinderfussball Artikel

Im Kinderfußball wird viel über ehrgeizige Eltern gesprochen. Über Leistungsdruck. Über Trainer, die jedes Spiel gewinnen wollen, permanent von außen eingreifen oder schon im Grundschulalter zwischen vermeintlich starken und schwachen Spielern unterscheiden.

Solche Verhaltensweisen gibt es.
Doch die Konzentration auf einzelne Trainer greift zu kurz.

Denn Kinder- und Jugendfußball funktioniert in Deutschland überhaupt nur, weil sich eine enorme Zahl von Menschen freiwillig engagiert. Viele Trainer stehen mehrmals pro Woche nach ihrer eigentlichen Arbeit auf dem Fußballplatz, organisieren Spiele, kommunizieren mit Eltern und verbringen Teile ihrer Wochenenden bei Turnieren und Punktspielen.

Eine DFB-Auswertung zeigte bereits 2019, dass mehr als 90 Prozent der befragten Trainerinnen und Trainer ihre Tätigkeit ehrenamtlich ausübten. Konkret waren es 91,6 Prozent der befragten männlichen und 96,6 Prozent der weiblichen Trainer bzw. Übungsleiter.

Der Amateurfußball insgesamt wird bis heute von einer riesigen ehrenamtlichen Struktur getragen.
Das muss man berücksichtigen, bevor man fordert, Kindertrainer müssten besser ausgebildet, pädagogisch geschult oder stärker professionalisiert werden.

Denn wer unbezahlt mehrere Stunden pro Woche für einen Verein arbeitet, kann kaum selbstverständlich dazu verpflichtet werden, zusätzlich umfangreiche Ausbildungen zu absolvieren.

Damit wird das Problem allerdings nicht kleiner.
Es wird systemischer.


Kinderfußball ist kein kleiner Erwachsenenfußball

Kinder wollen gewinnen. Natürlich.

Sie freuen sich über Tore und Siege und ärgern sich über Niederlagen. Kindgerechter Sport bedeutet nicht, Wettbewerb abzuschaffen.

Problematisch wird es dort, wo die Logik des Erwachsenen- und Leistungsfußballs ungefiltert auf Kinder übertragen wird.

Dann zählt plötzlich das Ergebnis des nächsten Wochenendes. Die vermeintlich stärksten Kinder spielen länger. Schwächere Spieler werden in entscheidenden Situationen eher ausgewechselt. Positionen werden früh festgelegt. Trainer geben von außen nahezu permanent Handlungsanweisungen und Fehler werden unmittelbar kommentiert.

Der Deutsche Fußball-Bund versucht mit seinen neuen Spielformen im Kinderfußball ausdrücklich, einen Teil dieser Logik aufzubrechen.
Kleinere Teams, mehr Ballkontakte, Rotationen und weniger Ergebnisorientierung sollen dafür sorgen, dass mehr Kinder tatsächlich am Spiel beteiligt sind und sich entwickeln können.
In der G- und F-Jugend werden deshalb keine Meisterschaftsrunden ausgetragen; Ergebnisse werden nicht über den Spieltag hinaus festgehalten. Trainer sollen nur bei Bedarf eingreifen und Entscheidungen möglichst von den Kindern selbst getroffen werden.

Die Grundidee ist richtig: Langfristige Entwicklung soll wichtiger sein als der kurzfristige Erfolg einer Kindermannschaft.

Doch Regeln allein verändern noch keine Kultur.


Das Regelwerk kann kindgerecht sein - die gelebte Logik trotzdem nicht

Man kann Tabellen abschaffen und trotzdem jedes Ergebnis zählen.
Man kann Rotationen vorsehen und trotzdem die besten Spieler möglichst lange auf dem Platz lassen.
Man kann Kinder selbst Lösungen finden lassen wollen und ihnen trotzdem bei jedem zweiten Ballkontakt Anweisungen zurufen.
Und man kann offiziell von Entwicklung sprechen, während Eltern, Trainer und teilweise auch Vereine weiterhin sehr genau registrieren, welche Mannschaft gewinnt und welche verliert.

Damit treffen zwei Systemlogiken aufeinander.

Die formale Logik lautet: Kinder entwickeln.
Die informelle Logik lautet schnell: Spiele gewinnen.

Und das ist deshalb so relevant, weil kurzfristige Ergebnisse wesentlich sichtbarer sind als langfristige Entwicklung.

Ein 8:1 kann jeder erkennen.
Ob sich ein technisch schwächeres Kind innerhalb eines Jahres stark verbessert hat, selbstbewusster geworden ist oder gelernt hat, Spielsituationen eigenständig zu lösen, lässt sich erheblich schwerer messen.

Was leicht sichtbar ist, bekommt deshalb schnell mehr Aufmerksamkeit.


Ehrenamtliche Trainer übernehmen trotzdem eine pädagogische Rolle

Genau hier entsteht ein schwieriger Widerspruch.

Wer eine Kindermannschaft trainiert, vermittelt nicht nur Fußball.

Trainer verteilen Aufmerksamkeit. Sie entscheiden über Einsatzzeiten. Sie reagieren auf Fehler. Sie loben, kritisieren und korrigieren. Sie beeinflussen das Gefühl von Zugehörigkeit, die Motivation und teilweise auch das Selbstvertrauen von Kindern.

Das sind zweifellos pädagogische Elemente.

Aber daraus folgt nicht, dass man von jedem Vater, jeder Mutter, jedem ehemaligen Spieler oder jedem anderen Vereinsmitglied, das bereit ist, eine Mannschaft zu übernehmen, zunächst eine pädagogische Ausbildung verlangen kann.

Viele Vereine wären vermutlich froh, überhaupt genügend Menschen zu finden, die diese Arbeit übernehmen.

Genau deshalb ist die Aussage "Dann müssen die Trainer eben besser ausgebildet werden" zu einfach.

Der DFB versucht inzwischen, die Einstiegshürde bewusst niedrig zu halten. Das Kindertrainer-Zertifikat umfasst beispielsweise 20 Lerneinheiten und kombiniert zwei Präsenztage mit Online- und Praxisphasen. Es vermittelt unter anderem Grundlagen zum Umgang mit Kindern und zu altersgerechtem Training.

Gleichzeitig beschreibt der DFB die Nachwuchstrainer an der Vereinsbasis selbst als "überwiegend nicht lizenziert" und begründet damit unter anderem seine niedrigschwelligen Qualifizierungsangebote.

Das ist sinnvoll.

Aber auch 20 Lerneinheiten sind zusätzliche Zeit, die ein Mensch investieren muss, der möglicherweise bereits zweimal pro Woche Training hält und am Wochenende mit der Mannschaft unterwegs ist.

Qualifizierung kann deshalb ein Teil der Lösung sein.

Die Verantwortung für guten Kinderfußball darf aber nicht einfach auf den einzelnen Ehrenamtlichen abgeschoben werden.


Wenn Qualifikation begrenzt ist, wird Systemgestaltung umso wichtiger

Gerade weil sich der Breitensport keine vollständig professionalisierte Trainerstruktur leisten kann, muss das Umfeld Orientierung geben.

Ein ehrenamtlicher Trainer braucht nicht zwingend ein pädagogisches Studium.
Er sollte aber sehr klar wissen, was sein Verein unter gutem Kindertraining versteht.

Und genau hier liegt eine große Stellschraube.

Woran erkennt ein Verein einen guten Kindertrainer?

  • Daran, dass seine Mannschaft viele Spiele gewinnt?
  • Daran, dass besonders talentierte Kinder früh gefördert werden?
  • Oder daran, dass möglichst viele Kinder Fortschritte machen, gerne zum Training kommen, viel spielen, Fehler ausprobieren dürfen und langfristig beim Fußball bleiben?

Diese unterschiedlichen Vorstellungen von Erfolg führen zwangsläufig zu unterschiedlichen Verhaltensweisen.

Wenn ein Verein nach außen Entwicklung propagiert, intern aber hauptsächlich erfolgreiche Mannschaften Anerkennung erhalten, entsteht ein widersprüchliches Signal.

Dann liegt es zu einfach, anschließend dem einzelnen Trainer übertriebenen Ehrgeiz vorzuwerfen.


Überambitionierte Trainer gibt es. Aber sie entstehen nicht im luftleeren Raum.

Natürlich gibt es sie.

Trainer, für die ein F-Jugend-Spiel erstaunlich wichtig wird. Die schwächere Kinder möglichst wenig einsetzen. Die permanent Anweisungen geben. Die Niederlagen persönlich nehmen oder den sportlichen Erfolg ihrer Mannschaft als Nachweis der eigenen Trainerqualität betrachten.

Persönliche Verantwortung verschwindet durch Systemdenken nicht.

Aber Verhalten entsteht auch aus Erwartungen.

Eltern freuen sich über Siege.
Trainer vergleichen Mannschaften miteinander.
Kinder erzählen Ergebnisse.
Vereine sind stolz auf erfolgreiche Jahrgänge.
Talentierte Spieler wechseln zu vermeintlich stärkeren Mannschaften.
Und viele Trainer kennen Fußball selbst aus einer Welt, in der Erfolg nahezu selbstverständlich über Ergebnisse definiert wird.

Wer ohne große Ausbildung eine Mannschaft übernimmt, greift verständlicherweise zunächst auf das zurück, was er aus dem Fußball kennt.

Und Erwachsenenfußball vermittelt eine sehr einfache Logik: Wer gewinnt, hat etwas richtig gemacht.

Im Kinderfußball stimmt das jedoch nur bedingt.


Ein verlorenes Spiel kann ein gutes Ergebnis sein

Ein Trainer kann ein Spiel verlieren, weil er allen Kindern ähnlich viel Einsatzzeit gibt.
Er kann verlieren, weil verschiedene Spieler unterschiedliche Positionen ausprobieren.
Er kann verlieren, weil er nicht permanent eingreift und Kinder selbst Lösungen suchen lässt.
Und er kann verlieren, weil bei ihm Entwicklung wichtiger ist als die optimale Aufstellung für dieses eine Spiel.

Nach klassischer Fußballlogik war das Wochenende dann erfolglos.

Nach Entwicklungslogik kann es ausgesprochen erfolgreich gewesen sein.

Genau diese Unterscheidung müsste das System seinen ehrenamtlichen Trainern vermitteln.

Nicht über immer neue Anforderungen.

Sondern über klare Leitlinien, einfache Hilfestellungen, Unterstützung und vor allem über die Frage, welches Verhalten innerhalb des Vereins Anerkennung bekommt.


Die Forschung zeigt, dass das Umfeld des Trainers relevant ist

Die sportpsychologische Forschung unterstützt diese Perspektive.

Eine Untersuchung mit 260 jugendlichen Fußballspielern zeigte, dass ein stärker auf Lernen und persönliche Entwicklung ausgerichtetes, vom Trainer geschaffenes Klima mit höherem Engagement zusammenhing. In der Studie sagte ein sogenanntes "Mastery Climate", bei dem Anstrengung und Lernen im Mittelpunkt stehen, sämtliche untersuchten Dimensionen des sportlichen Engagements positiv voraus.

Eine große prospektive Untersuchung aus dem Jahr 2024 mit 7.110 Jugendlichen zwischen 12 und 20 Jahren aus Basketball, Handball, Fußball, Badminton und Gymnastik kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass ein unterstützendes motivationales Klima sowie das Erleben von Autonomie, Kompetenz und sozialer Zugehörigkeit mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden waren, im Sport und im Verein zu bleiben. Ein stärker kontrollierendes beziehungsweise demotivierendes Umfeld war dagegen mit Drop-out assoziiert.

Damit geht es nicht darum, von jedem ehrenamtlichen Trainer sportpsychologisches Fachwissen zu verlangen.

Die Erkenntnisse zeigen vielmehr, warum die Rahmenbedingungen wichtig sind, innerhalb derer Trainer handeln.


Nicht mehr Anforderungen, sondern bessere Orientierung

Die einfache Forderung nach mehr Ausbildung verkennt deshalb einen wesentlichen Teil des Problems.

Der Kinderfußball braucht Ehrenamtliche.

Er braucht Eltern, ehemalige Spieler und andere engagierte Menschen, die bereit sind, ihre Freizeit zu investieren.
Diese Menschen mit immer höheren Anforderungen zu konfrontieren, könnte das nächste Problem erzeugen.

Die bessere Frage lautet deshalb: Wie gestaltet man ein System, in dem auch ein nicht professionell ausgebildeter Trainer möglichst wahrscheinlich entwicklungsorientiert handelt?

Dazu gehören niedrigschwellige Qualifizierungsangebote.

Aber genauso gehören dazu klare Erwartungen des Vereins, Unterstützung durch erfahrene Jugendleiter, vernünftige Elternkommunikation und eine Kultur, in der nicht das Wochenende entscheidet, ob jemand als guter Trainer gilt.

Vor allem muss das gewünschte Verhalten praktisch möglich sein.

Wer allen Kindern Einsatzzeit geben soll, darf anschließend nicht hauptsächlich am Spielergebnis gemessen werden.
Wer Kinder selbstständig entscheiden lassen soll, darf nicht für jeden Fehler kritisiert werden.
Und wer Entwicklung vor Ergebnis stellen soll, muss erleben, dass genau diese Entwicklung im Verein tatsächlich wertgeschätzt wird.


Das eigentliche Problem liegt deshalb eine Ebene höher

Es ist leicht, sich über einen überambitionierten Kindertrainer aufzuregen.

Manchmal ist diese Kritik auch vollkommen berechtigt.

Aber sie erklärt nicht, warum ähnliche Muster in unterschiedlichen Vereinen, Mannschaften und Jahrgängen immer wieder auftreten.

Dafür muss man eine Ebene höher schauen.

Kindertrainer arbeiten in einem Spannungsfeld aus Ehrenamt, sportlichem Wettbewerb, Elterninteressen, Vereinsstrukturen und einer Fußballkultur, die Erfolg traditionell stark über Ergebnisse definiert.

Gleichzeitig sollen sie Kinder entwickeln, motivieren, integrieren und pädagogisch sinnvoll begleiten.

Das ist eine erstaunlich anspruchsvolle Rolle für jemanden, der diese Aufgabe häufig kostenlos in seiner Freizeit übernimmt.

Verbände und Vereine haben viele dieser Herausforderungen möglicherweise längst erkannt. 

Neue Spielformen, niedrigschwellige Qualifizierungsangebote und eine stärkere Betonung der individuellen Entwicklung sind sinnvolle Schritte.

Entscheidend ist aber, was daraus im Alltag entsteht.

Denn Kinderfußball wird nicht allein durch Regeln des Verbandes geprägt. Er entsteht im Zusammenspiel von Trainern, Eltern, Jugendleitungen, Vereinsstrukturen und den Erwartungen, die alle Beteiligten an Erfolg haben.

Genau deshalb sollte die Diskussion auch nicht darauf hinauslaufen, einzelne Gruppen verantwortlich zu machen.

Nicht jeder ehrgeizige Trainer ist das Problem.
Nicht jede Erwartung eines Vereins ist falsch.
Und nicht jede Form von Leistungsorientierung steht einer guten Entwicklung entgegen.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Schaffen wir ein Umfeld, in dem Leistung und Entwicklung zusammenpassen und in dem ehrenamtliche Trainer genügend Orientierung bekommen, ohne dass aus ihrem Engagement ein zweiter Beruf wird?

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Aufgabe des Kinderfußballs.

Nicht den Wettbewerb abzuschaffen.
Nicht Trainer zu professionalisieren, bis kaum noch jemand bereit ist, die Aufgabe zu übernehmen.

Sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Kinder besser werden können, Trainer gerne Verantwortung übernehmen und sportlicher Ehrgeiz nicht zum Selbstzweck wird.


Mehr zum Thema

Dieser Artikel greift einen Teil meiner ausführlicheren Case Study zum Kinderfußball auf. Darin analysiere ich auf Basis wiederholter eigener Beobachtungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse genauer, wie Leistungsdruck, Trainerverhalten, Eltern, Talentförderung und strukturelle Anreize zusammenspielen.

👉 Zur Case Study über Leistungsdruck, Entwicklung und Systemlogik im Kinderfußball